»Querdenken« und Instrumentalisierung Anne Franks

»Querdenken« – laut Duden bedeutet das »unkonventionell, originell denken«. Weitläufig wird der Begriff auch mit Zivilcourage verbunden, eine Gruppe von Menschen beschreibend, die sich gegen die herrschende Meinung innerhalb einer Gesellschaft auflehnt.

Demo Foto, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Seit Beginn der Corona-Krise erhält der Begriff »Querdenken« allerdings eine neue Konnotation durch die Haltung jener Regierungskritiker*innen aus der »Querdenken«-Bewegung in Deutschland, die sich selbst als einzige Opposition in Zeiten von Corona betrachtet. Die Existenz des Corona-Virus wird häufig ganz geleugnet, staatliche Eingriffe generell mit dem Entzug von Freiheit gleichgesetzt und verschwörungstheoretische Begründungen verbreitet. Nicht nur die Debattenkultur wird durch die Verschwörungsideologie vergiftet – beängstigend ist, dass die Kraft rationaler Argumente stark zurück geht.

Vor Kurzem schilderte ein elfjähriges Mädchen auf der Bühne einer »Querdenken«-Demonstration, dass sie ihre Geburtstagsfeier während Corona mit ihren Freund*innen heimlich habe feiern müssen, weil sie sonst vielleicht von Nachbar*innen verpetzt worden wären. »Ich fühlte mich wie bei Anne Frank, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden«, sagte sie. Plakate mit dem Spruch »Anne Frank wäre bei uns« werden immer öfter gesehen, Judensterne aus der NS-Zeit getragen, auf denen »ungeimpft« steht. Bei einer weiteren Kundgebung sagte eine junge Frau, die sich als »Jana aus Kassel« vorstellte: »Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin«.

Angesichts dieser Vergleiche mit Anne Frank oder Sophie Scholl nimmt die Dimension der Verschwörungstheorien eine ganz neue, angsterregende Form der Absurdität an: Gegner*innen der Corona-Beschränkungen vergleichen sich mit Widerstandskämpfer*innen gegen den Nationalsozialismus oder mit verfolgten Juden. Die Grundrechtseinschränkungen aufgrund von Corona werden von den Verschwörungstheoretiker*innen mit einer »Corona-Diktatur« gleichgesetzt, die laut ihnen die Menschen heute genauso zu Opfern mache, wie die der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten.

Solche Vergleiche stellen einen beängstigenden Geschichtsrevisionismus dar, verhöhnen die Opfer des NS-Regimes und verharmlosen jegliche NS-Verbrechen. Es handelt sich hierbei auch um eine klare Form des Opferneids: Die Demonstranten wollen selbst als Opfer anerkannt werden.

Doch geschichtsrevisionistische Aussagen dieser Art gibt es nicht nur bei Anti-Corona-Protesten auf der Straße, sondern sie haben ihren Weg auch bis ins Herzstück unserer Demokratie, den Bundestag, gefunden. Rechtspopulistische Kräfte kämpfen um kulturelle Hegemonie – und die Deutungshoheit über die jüngere Geschichte ist einer ihrer wichtigsten Schauplätze. Gerade im November 2020 haben Vertreter*innen der AfD das Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung mit dem Ermächtigungsgesetz Hitlers verglichen, mithilfe dessen Hitler sich 1933 die uneingeschränkte Macht sicherte. Die Gewaltenteilung wurde durch das Gesetz damals faktisch aufgehoben, der Weg zur Diktatur war vollständig geebnet.

Das Gegenteil ist beim Infektionsschutzgesetz der Fall: Es begrenzt die Eingriffe der Regierung, es entgrenzt sie nicht. Die Regierung holt sich die Erlaubnis für die Maßnahmen beim Parlament und schafft somit einen parlamentarischen, legislativen Rahmen.

Jegliche Vergleiche mit dem Nationalsozialismus sind höchst perfide und faktisch absolut unkorrekt. Doch wie kommen Menschen überhaupt auf die Idee, derartige Vergleiche anzustellen?

Die aktuelle Lage zeigt auf jeden Fall, dass es nicht ausreicht, bloße Namen oder Ereignisse aus der Geschichte zu kennen. Viel wichtiger ist es, historische Prozesse und Zusammenhänge einschließlich ihrer Ursachen und Folgen zu verstehen. Die Empfänglichkeit für den zielgerichteten Geschichtsrevisionismus der Neuen Rechten muss so gering sein, dass Vorkommnisse wie bei der »Querdenken«-Bewegung gesamtgesellschaftlich verurteilt werden und schon gar keinen Weg ins Parlament finden können. Ein Geschichtsbewusstsein kann nur durch umfangreiche Bildung geschaffen werden – und das funktioniert nicht durch Kürzungen des Geschichtsunterrichts oder durch das Zusammenlegen aller gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Auch die sichtbaren Defizite in der Erinnerungskultur müssen behoben werden: Nicht nur identitätspolitische Fragen und Identifikation in Bezug zu NS-Opfern sollen im Vordergrund stehen, sondern vor allem die Frage nach dem Antrieb der Täter und die Rolle der Gesellschaft als Ganzes, die die Vernichtungspolitik mittrug.

Für mich als Anne Frank Botschafterin ist klar, dass Geschichtsrevisionismus keinen Platz in unserer Gesellschaft hat und ebenso keinen Raum in politischen Diskussionen einnehmen darf. Aus diesem Grund ist es wichtiger denn je, erinnerungspolitische Prozesse aktiv anzustoßen und besonders im eigenen Umfeld bei scheinbar harmlosen Aussagen wie »Während der Quarantäne hab‘ ich mich zwischendurch echt wie Anne Frank gefühlt«, direkt scharf zu reagieren und darauf hinzuweisen, dass solche Aussagen die NS-Opfer verhöhnen. Vermeintlich kleine Taten wie diese haben große Wirkung – das wusste auch Anne, die in ihrem Tagebuch am 26. März 1944 schrieb: »Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern«.

Paula Schmidt