Von der Kraft der Erinnerung

Gedenkfahrt – bedeutet das Friedhöfe, langweilige Vorträge und Senioren-Invasion? Das Gegenteil ist der Fall. Ein Erfahrungsbericht.

Gedenkfahrt nach Amsterdam, Amersfoort und Herzogenbusch

Aufgeregt, gespannt und gut gelaunt – das waren wir alle, die Peer Guides des Theodor-Heuss-Gymnasiums sowie der Anne-Frank-Realschule am Morgen der Abfahrt nach Amsterdam. Keiner von uns hatte die leiseste Ahnung, dass uns diese Gedenkfahrt so sehr prägen würde wie keine Klassenfahrt je zuvor.

Die Freiheit und Weltoffenheit Amsterdams war so präsent, dass wir sie direkt an unserem ersten Tag spüren konnten. Als wir das Anne-Frank-Haus besichtigten, wurde mir direkt klar, dass die nächsten Tage nicht so locker werden würden wie anfangs gedacht.
Obwohl ich mich monatelang mit Anne Frank beschäftigt und das Tagebuch intensiv gelesen hatte, wurde mir im Versteck plötzlich vor Augen geführt, was dieses junge Mädchen und ihre Familie durchmachten, unter welchen Umständen sie lebten, wie diese Zeit ihre Persönlichkeiten prägte. Am Ort des Geschehens zu sein und direkt damit konfrontiert zu werden, ist einfach etwas anderes als das Aufsaugen von Informationen beim Lesen eines Buches. Als ich durch die engen Zimmer lief, begleitet von vielen anderen Menschen, sah ich manche, die gebannt dem Audio Guide zuhörten, andere, die gelangweilt von Raum zu Raum liefen. Eine Masse von Menschen, die sich dicht an dicht durch die engen Räume drückte. Das stimmte mich traurig, weil viele nicht den Anschein erweckten, die Botschaft des Ortes aufzunehmen, sondern das Anne-Frank-Haus nur auf der Amsterdam-To-Do-Liste abhaken wollten.

Quelle: privat (Paula Schmidt)

Danach besuchten wir weitere Museen, von denen besonders das National Holocaust Museum herausstach. Hier wurden die zwei Seiten des Holocausts kontrastiert: einerseits das zerstörerische, menschenverachtende, größenwahnsinnige Machtdenken der Nationalsozialisten, der ausgeprägte Rassismus und eine wie nie zuvor effiziente Propaganda, die die Massen manipulierte und mobilisierte. Auf der anderen Seite das endlose Leid aller Verfolgten, die jeden Tag Angst um ihr Leben hatten, ihre Heimat verlassen mussten und auf die grausamsten Weisen und durch maßlose Brutalität gequält und getötet wurden. Menschen, die eine Sprache sprachen, die gleiche Heimat hatten, und noch viel wichtiger: einfach Menschen waren.

Noch deutlicher wurde uns dies im Internierungslager Amersfoort und im Lager Herzogenbusch. Es war schrecklich zu erfahren, welche Qualen die Inhaftierten erleiden und welch unwürdige und sinnlose Arbeiten sie erledigen mussten, bis hin zur absoluten Erschöpfung oder zum Tod. Beim Rundgang durch die Baracken konnten wir sehen, wie schlecht Verpflegung und Hygiene waren und wie zusammengepfercht die Inhaftierten leben mussten.

Uns berührten all die Lebensgeschichten und Schicksale vieler Inhaftierter, von denen wir beim Rundgang erfuhren. Als wir jedoch vor einem Kinderdenkmal standen, das an all die ermordeten Kinder des Lagers Herzogenbusch erinnert, überwältigte uns die Menge an Namen. Plötzlich kamen auch uns die Tränen. Gegenüber saß ein älterer Mann, der unsere Reaktion bemerkte und uns Folgendes mit auf den Weg gab: „Kinder, es ist nicht eure Schuld. Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern. Nur lasst niemals zu, dass so etwas jemals wieder passiert.“

Am Ende der Führung zeigte uns der Guide einige Gedenktafeln für Opfer des Lagers, die beschmiert wurden und deshalb ersetzt werden mussten. Die mutwillig zerstörten Gedenktafeln drücken Hass und blinde Zerstörungswut aus, was in unserer Gesellschaft noch immer alltäglich ist. Der Guide wies uns auf ein Gedicht hin, das jemand geschrieben hatte, um sich offen gegen den Vandalismus zu stellen. Der Täter habe vor allem seinen eigenen Namen beschmiert, nicht die der Opfer. Das Gedicht endet mit einem unglaublich mächtigen Wort: „Frieden“. Es liegt an uns, diesen zu wahren, zu beschützen, zu sichern.

Quelle: privat (Paula Schmidt)

Die Gedenkfahrt hat mehr erreicht, als mich zum Nachdenken zu bringen. Sie hat mir tiefe Einblicke in die Geschichte und Gedankenwelten der Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus gewährt. In einer Zeit, in der Rechtsextremismus, Antisemitismus und Hass wiederaufleben, ist es umso wichtiger, multidirektional zu erinnern, beim Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus nicht nachzulassen, sondern jeden Tag aufs Neue Verantwortung und Haltung zu zeigen. Leider vergessen wir Menschen Leid schnell. Wir müssen an die Worte des älteren Mannes denken, der auch die Gedenkstätte besuchte und uns auftrug, den Frieden zu sichern und so etwas niemals wieder geschehen zu lassen. Es lohnt sich, jeden Tag etwas zum Frieden und zur Demokratie beizutragen.

Doch unsere Zeit in Amsterdam war nicht nur von Nachdenklichkeit und Gedenken geprägt. Wir hatten die Möglichkeit, die Stadt durch eine Stadtführung und Grachtenfahrt sowohl vom Land, als auch vom Wasser aus näher kennenzulernen, erkundeten die Hauptstadt auf eigene Faust und lernten ein niederländisches Fußballteam kennen, mit dem wir uns jeden Abend für ein Match trafen. Während dieser Zeit wuchsen wir Peer Guides auch als Gruppe zusammen. Die Gedenkfahrt sorgte für ein Zusammenwachsen von Schüler*innen zweier verschiedener Schulformen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Es motivierte uns alle, die unsichtbare „Grenze“ zwischen beiden Schulen zu überwinden und eine Gemeinschaft zwischen beiden Schulen entstehen zu lassen, anstatt täglich aneinander vorbeizugehen.

Wir Peer Guides sind auch drei Jahre nach der Gedenkfahrt noch immer befreundet, manche sind noch als Anne Frank Botschafter*innen aktiv. Doch egal welche Lebenssituation – unsere gemeinsame Zeit in Amsterdam und unsere persönlichen Erkenntnisse werden uns ein Leben lang begleiten.

Paula Schmidt